Tacheles

Als Lektorin überraschen mich immer wieder die vielen Möglichkeiten, die Sprache bietet. Stilblüten, Malapropismen und kuriose Schreibungen erzählen wunderbare kleine Sprachgeschichten, fallen im Alltag aber dem Rotstift zum Opfer. Doch was wird warum genau gestrichen? Hier wird Tacheles geredet – in einer kleinen, losen Sammlung.

Sie sind über eine sprachliche Kuriosität gestolpert? Ein neuer sprachlicher Trend ist Ihnen aufgefallen? Sie fragen sich, wie ein Ausdruck korrekt geschrieben wird?

9. April 2017

 

Wie viele Fahrkarten muss ich kaufen, wenn ich mit Nichten verreisen will?

 

〉 Häufiger Orthografiefehler, wenn in einem bestimmten Kontext das Adverb "mitnichten" (in der Bedeutung "auf keinen Fall", "gewiss nicht", "keineswegs") gesetzt wird – und nicht die Töchter von Geschwistern gemeint sind (dann wäre meine Antwort derzeit: 4 Tickets).

2. April 2017

 

Ein gut gemeinter Rat: "Wirf nicht gleich das Handtuch ins Korn!"

 

Stilblüte/Malapropismus – zwei Wendungen vermischt

 

〉 "Das Handtuch werfen/schmeißen": resignierend aufgeben.

Wendung aus dem Boxsport: Sieht der Betreuer eines Boxers, dass sein Schützling schwer angeschlagen ist und ihm Schaden droht, wirft der Betreuer ein Handtuch in den Ring; der Schiedsrichter bricht daraufhin den Kampf ab.

 

〉 "Die Flinte ins Korn werfen": (vorschnell) aufgeben, verzagen.

Wendung aus einem Kriegszusammenhang: In einem aussichtslos erscheinenden Kampf wirft der Soldat das Gewehr/die Flinte ins (hohe, das Gewehr bedeckende) Korn, um schneller fliehen zu können und ggf. nicht als Soldat erkannt zu werden. 

26. März 2017

 

Der Abgeordnete wurde zur Schielzeibe der Kritik.

 

Phonemfehler

〉 Phänomen besonders in der gesprochenen Sprache, etwa bei Unkonzentriertheit oder Fokussierung auf einen anderen Gegenstand; beruht auf der Verwechslung zweier konsonantischer Phone, oft aufgrund lautlicher Ähnlichkeit und der Nähe nachfolgender Vokale

19. März 2017

 

Fallen Nachrichten etwa unter den Tisch, wenn man sie nicht an den großen Nagel hängt?

 

Schiefe Metapher

〉 Metapher 1 ("unter den Tisch fallen") ist redensartlich korrekt. Metapher 2 ("an den großen Nagel hängen") funktioniert an der Oberfläche als Fortführung von Metapher 1: Der große Nagel, an den etwas gehängt wird, verspricht Stabilität, etwas kann bildlich nicht runterfallen oder verloren gehen.

〉 Redensartlich wird etwas jedoch "an die große Glocke" gehängt, wenn es bekannt gemacht/herumerzählt werden soll. Oft mit Negation: Etwas soll "nicht an die große Glocke" gehängt werden, wenn es vertraulich behandelt/nicht übertrieben dargestellt werden soll.

〉〉 Die Redewendung geht zurück auf den (mittelalterlichen) Brauch, Bekanntmachungen, wichtige Anlässe, drohende Gefahren usw. der Allgemeinheit durch Glockengeläut anzukündigen. (Ob "groß" auf die Größe der Glocke ("Kirchenglocke") oder auf die Wichtigkeit bzw. Größe der Nachricht zurückzuführen ist, ist sprachhistorisch wohl nicht ganz geklärt.)

Regelwerk

 

12. März 2017

 

Zur Schreibung fremdsprachiger Ausdrücke im Deutschen
nach der geltenden
amtlichen Regelung (AR), nach Duden-Regeln (DR),
Duden-Empfehlung (DE) und Varianten nach Duden (DV)

 

Integration in den deutschen Wortschatz

Die Schreibung hängt davon ab, ob der Ausdruck als bereits ins Deutsche integriert, als teilweise integriert oder als noch nicht integriert angesehen wird (AR A.0.3.1/2). Die Integration, abhängig von "Häufigkeit und Gebräuchlichkeit", vollzieht sich "von Fall zu Fall" anders und "nicht systematisch"; "handhabbare Regeln" gibt es aufgrund der "Vielgestaltigkeit fremdsprachiger Schreibungen" nicht (ebd.).

 

Wortliste und Analogiebildung

Im Zweifelsfall konsultiert man die Wortliste der amtlichen Regelung. Duden, Wahrig etc. geben in vielen Fällen Empfehlungen, lassen oft aber auch Schreibvarianten zu. Findet sich ein Ausdruck in keiner Wortliste, kann eine Analogiebildung nach den folgenden Regeln erfolgen.

 

 

Die fremdsprachige Schreibug wird übernommen

  • bei Internationalismen, z.B. "City" (AR V.2.1.1),
  • bei fachsprachlichen Ausdrücken, z.B. "Calcium" (fachsprachliche DV; standardsprachliche DE ist aber "Kalzium"),
  • bei Eigennamen, z.B. "Carnegie Hall" (ebd., DR 39), bzw. aufgrund verschiedener Umschriftsysteme, z.B. "Schanghai" (DE) bzw. "Shanghai" (DV),
  • bei zitierten Wörtern/Wortgruppen, z.B. "Die Engländer nennen dies ‘one way mind‘" (AR 0.3.1.a), "in dubio pro reo", "cherchez la femme" (DR 39), oder
  • aus stilistischen Gründen, etwa um die Schreibung mit dem "Flair von Weltläufigkeit" zu verbinden, z.B. "Club" (DV) versus "Klub" (DE, AR V.2.1.1).

 

Groß- versus Kleinschreibung

  • Großschreibung gilt bei substantivischen Aneinanderreihungen. Das erste Wort und substantivische Bestandteile werden großgeschrieben (DR 40.1), z.B. "Coq au Vin", "Status quo", "Duty-free-Shop"; z.B. auch "Corned-Beef-Büchse" (DE) neben "Cornedbeefbüchse" (DV1) neben "Cornedbeef-Büchse" (DV2).
  • Kleinschreibung (auch der Substantive) gilt bei festen adverbiellen Fügungen (DR 40.2), z.B. "a cappella singen" (adverbielle Fügung mit Verb), "A-cappella-Chor" (adverbielle Fügung im Kompositum).

 

Getrennt- versus Zusammenschreibung

  • Substantiv + Substantiv, die sich im Deutschen "grammatisch wie Zusammensetzungen verhalten", werden zusammengeschrieben. Zur Verdeutlichung können Bindestriche gesetzt werden, z.B. "Scienefiction" (DV) neben "Science-Fiction" (DE, AR §45, E1, ebenso DR 41.1).
  • Adjektiv + Substantiv: Zusammenschreibung, wenn die Hauptbetonung auf dem ersten Bestandteil liegt – sonst Getrenntschreibung, z.B. "Longdrink" (DE) neben "Long Drink" (DV), aber "High Heels" (DE) neben "Highheels" (DV). Gilt auch bei mehrsilbigen oder aus Partizipien gebildeten Adjektiven, z.B. "Corned Beef" (DE) neben "Cornedbeef" (DV). Strikte Getrenntschreibung, wenn der Ausdruck als zitiertes Ganzes betrachtet wird (DR 41.2), z.B. "Top Ten", "Electronic Commerce".
  • Verb + Adverb/Partikel aus dem Englischen: mit Bindestrich, wenn der Ausdruck mit Bindestrich integriert ist, z.B. "Make-up". In vielen Fällen ist Zusammenschreibung möglich, sofern die "Lesbarkeit nicht beeinträchtigt" ist (AR §45 E1, DR 41.3), z.B. "Stand-by" (DE) neben "Standby" (DV). Zusammenschreibung wird empfohlen, wenn der Ausdruck zusammengeschrieben integriert ist, z.B. "Comeback" (DE) versus "Come-back" (DV).

 

Die Schreibung mit oder ohne Bindestrich

  • folgt den fürs Deutsche geltenden Regeln (AR C.0.2). Aneinanderreihungen in Wortgruppen werden mit Bindestrich geschrieben (DR 42).
  • Ausnahmen: Eigennamen und amtlich geregelte Schreibungen werden auch ohne Bindestrich geschrieben, z.B. Firmennamen, Institutionen, Vereine, Stiftungen.

 

Markierung bei Zitatwörtern

  • mit Anführungszeichen, z.B. "Wir wurden zum ‘business lunch‘ eingeladen",
  • in einer anderen Schriftart (DR 39), z.B. "Sie schreibt einen Aufsatz über den nouveau roman", oder
  • mit Anführungszeichen in Komposita, z.B. "'No Future'-Generation" (Regel durch Analogiebildung).

5. März 2017

 

Das ist doch Erbsenspalterei!

 

〉 Redensartlich ist "Haarspalterei" die pedantische Aufsplittung einer Feinheit (fig. eines "Haars"), die für das Gesamte keine Relevanz hat; übertriebene Genauigkeit, Spitzfindigkeit, Rabulistik, Sophistik. 

〉 Ein "Erbsenzähler" ist kleinlich, geizig ("zählt sogar Erbsen ab"). 

〉〉 Die innere Verwandtschaft der Bedeutungen "Haare spalten" und "Erbsen zählen" führt zu einer Verschmelzung; ggf. Malapropismus

3. März 2017

 

Eindrücke von der Social Media Week (27.2. bis 3.3.2017)

 

"Onboarding ist die Content-HR-Management-Strategie der Zukunft. Die digitale Transformation ist DER Trend im Onboardingprozess, Empowerment ein Essential Key für die Schedules von Business-Solutions. Beim Recruiten und Talentscouting spielt daher das Change-Management im Development eine entscheidende Rolle. Digital Players erfordern ein Active Sourcing, das einfache Matching von Keywords auf offene Vakanzen funktioniert nicht länger. Auch die ältere Generation 35+ kennt das Messaging per E-Mail und erwirbt dank Influencern neue Skills. Inhouse-Communications können so adaptiert werden und langfristig zum Branding der Job-Performance führen." – "Ah ja."

 

〉 HR ist ein Kürzel für Human Resources, in der digitalen Welt inzwischen auch für Human Relations (Hinweis: fingierter Dialog).

 

10. März 2017, Kommentar mit Links von Tom

"Büro-Sprech" klingt oft nur wichtigtuerisch und sogar lächerlich, vor allem wenn englische Phrasen im Deutschen falsch verwendet werden.

 

 

10. März 2017, Kommentar von B.

Abgesehen vom Inhaltlichen: Du schreibst "Business-Solutions", "Inhouse-Communication" mit Bindestrich, aber "Essential Key" ohne. Werden englische Ausdrücke nicht generell ohne Bindestrich geschrieben?

 

Ankündigung:

Mehr zur Schreibung fremdsprachiger Ausdrücke im Deutschen am 12. März 2017.

26. Februar 2017

 

Wird mehr Honig produziert, wenn die Bienennachfrage steigt?

 

Einfacher Orthografiefehler

〉 Im Kontext einer Fachzeitschrift für Finanzmärkte ist die "Binnennachfrage" gemeint, die Nachfrage nach Gütern in einem Binnenmarkt; Gegensatzbegriff: Exportnachfrage

19. Februar 2017

 

Jetzt mal Wasser bei die Fische!

 

Sprachplanungsfehler, ggf. Lapsus memoriae

〉 Norddeutsche mundartliche Wendung: "Butter bei die Fische".

〉 Hintergrund: Vor dem Servieren kommt oft noch ein Stückchen Butter auf den zubereiteten Fisch – erst dann ist das Gericht komplett und es darf gegessen werden. Redensartlich ist "Butter bei die Fische!" die Aufforderung, endlich zur Sache bzw. zum Wesentlichen zu kommen.

〉 Überregional ist dieser Hintergrund ggf. nicht bekannt, sodass es zu einer neuen Verknüpfung kommt. Der Sprecher erinnert sich ggf. nur vage an die Wendung und verbindet bei "Fisch" das in der Wendung angelegte "zum Wesentlichen kommen" mit dem Element "Wasser". Insofern handelt es sich um eine sprachliche Fehlleistung, die auf einer unbewussten Ebene jedoch durchaus Sinn ergibt.

12. Februar 2017

 

Wer künftig das Amt des Bundespräsidenten begleitet?

 

Semantikfehler.

〉 Seit heute bekleidet Herr Steinmeier das Amt des Bundespräsidenten.

5. Februar 2017

 

Da scheitern ja die Geister!

 

Semantikfehler – oder Malapropismus

〉 Redensartlich "scheiden sich die Geister" (gehen die Meinungen auseinander) bzw. ein Vorhaben/Unternehmen "scheitert" (missglückt).

〉 Korrekte grammatische Konstruktion bei lexikalischem Fehlgriff mit einem in der Wendung ähnlich klingenden Verb.

〉 Ggf. eingesetzt als Malapropismus – ein bewusster stilistischer Kunstgriff in humoristischer Absicht.

Regelwerk

 

29. Januar 2017

 

Neues zum Eszett

 

Regelung seit 1996

Das ß, scharfe S, Dreierles-S oder auch Eszett, wie Duden es ausschreibt, steht im Deutschen in der Regel als stimmloser s-Laut nach einem betonten langen Vokal – als stimmloser s-Laut nach einem kurzen Vokal steht hingegen ss. Beispiel: "die Maße" (als Plural von "das Maß") versus "die Masse" (im Singular).

    In Liechtenstein und der Schweiz wird jedoch in allen Fällen, immer schon und weiterhin ss geschrieben. Mehrdeutigkeit wird allermeist im Kontext aufgelöst; dass sie zu Missverständnissen oder großartigen Problemen führe, ist höchst unwahrscheinlich. Mit meinen besten Grüssen in die Schweiz!

 

Das große Eszett

Unter Lektoren hat es sich herumgesprochen: Beim ß gibt es News – und zwar, was die Versalschreibung betrifft.

    Bislang galt nach Duden die amtliche Regelung: ß wird in Versalschrift durch SS ersetzt (§25, R160). Auch wenn es "die Straße" heißt, sollte laut Empfehlung die "DIE STRASSE" geschrieben werden (und nicht etwa: "DIE STRAßE"; einzige Ausnahme: Eigennamen in Dokumenten).

    Seit 2008 gibt es im Unicode ein großes Eszett (ẞ), das sich vom kleinen (ß) optisch unterscheidet; die Majuskel wurde Bestandteil der ISO-Norm.

    Im Dezember 2016 schlug der Rechtschreibrat die Aufnahme des Eszett-Großbuchstabens ins offizielle Regelwerk vor. Neben der Wiedergabe von ß mit SS soll lt. Bericht auch die Wiedergabe mit Majuskel-Eszett möglich sein. Jetzt muss nur noch die Kultusministerkonferenz zustimmen, dann ist's amtlich!

    Bis dahin gilt nach Duden: Das große Eszett ist nicht Bestandteil der amtlichen deutschen Rechtschreibung, sprich: Amtlich bleibt, dass ß in Versalschrift durch SS ersetzt wird. Allerdings sei "mündigen Bürgern" die Versalschreibung "überlassen". Das große Eszett ist also (noch) nicht amtlich, wird auch nicht ausdrücklich empfohlen, ist aber nach Duden in jedem Fall schon zugelassen.

 

Wie kriegt man das große Eszett digital hin?

Erste Voraussetzung: Die Schriftart muss das Zeichen als Glyphe ẞ enthalten.

  • Windows, neuere Versionen: Shift + Alt Gr + ß; übern Ziffernblock: Alt + 7838
  • Apple: nur mit Tastaturtreiber (?)

Die Majuskel funktioniert allerdings wohl noch nicht störungsfrei. Zur Sicherheit kann bei Versalschrift weiterhin SS geschrieben werden.

Mehr Infos zum (versalen) Eszett, zum Beispiel zu ſs-Ligatur, Geschichte und Typografie.

 

 

Nachtrag zum 29. Juni 2017

Änderung der Duden-Empfehlung: Das große Eszett ist nun Bestandteil der amtlichen Regelungen. Die Begründung des Rats für deutsche Rechtschreibung: Es sei ein genereller Trend zur Schreibweise in Versalien in der Werbung und auch in Büchern zu beobachten. Die Zulassung des großen Eszetts ermögliche in solchen Fällen nun ein optisch einheitliches Schriftbild. Die Ersatzschreibweise mit Doppel-S  (also "STRASSE") bleibt jedoch weiterhin zulässig (vgl. auch zur Schreibung von Namen laut D160).

 

22. Januar 2017

 

"Bereits 7 Prozent der Hessen wurde eine Schwindeldiagnose gestellt."

 

Ambiguität des lexikalischen Zeichens; "Schwindel" meint a) die (pathologische) Beeinträchtigung des Gleichgewichtssinns oder b) eine unwahre Aussage mit Täuschungsabsicht.

 

Motivierung: Die Polysemie des Ausdrucks "Schwindel" lässt sich etymologisch auf eine Wurzel (mhd. "swinden") zurückführen. Interessanterweise wird in Literatur und Psychoanalyse gern ein innerer Zusammenhang der heute ausdifferenzierten Bedeutungen hergestellt: Eine Täuschung bedingt das körperliche Gefühl der Unsicherheit und des Taumelns, was wiederum zu unwahren Aussagen führt usw.

 

In einem medizinischen Kontext, in dem etwa eine Studie referiert wird, ist der Leser durch das sprachliche Umfeld bereits auf den medizinischen Sachverhalt gepolt. Die Doppeldeutigkeit wird dann ggf. gar nicht bemerkt: Der Ausdruck wird als eindeutig verstanden und ohne Interpretationsprozess dem Kontext zugewiesen.

〉〉 Ggf. umformulieren, etwa: "Bereits 7 Prozent der Hessen wurde die Diagnose Vertigo (Schwindel) gestellt."

15. Januar 2017

 

Wer zu spät kommt, den beißen die Hunde!

 

Stilblüte

〉 korrekte Grammatik, aber Verbindung eines "geflügelten Wortes" und einer Metapher zu einer stilistisch falschen Wendung

〉 berühmter Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" (Michail Gorbatschow 1989 zugeschrieben)

〉 Metapher in einer Redensart: "Den Letzten beißen die Hunde" (im Sinne von "der Letzte ist im Vergleich zu anderen benachteiligt")

〉〉 Entscheidung nach Kontext

Regelwerk

 

8. Januar 2017

 

Wieso ist es der Grüne Punkt, aber der gelbe Sack? Und handelt es sich um den blauen oder Blauen Engel? Kleine Farblehre.

 

Nach den amtlichen Regeln (R) für die deutsche Rechtschreibung und Zeichensetzung gilt bei Adjektiven generell die Kleinschreibung, von Duden (D) um einige Regeln ergänzt. Die Ausnahmen im Detail:

 

Substantivierte Adjektive werden großgeschrieben ("ins Grüne fahren"; R72). Großschreibung gilt auch bei Adjektiven in mehrteiligen Namen ("das Rote Kreuz"; R88). Manchmal werden Wortgruppen oder feste Begriffe als Namen angesehen – sie sind es jedoch nicht; dann gilt Kleinschreibung ("schwarzer Tee", "grüne Bohnen"; R89/1, R151/1). Ausnahmen hiervon sind wiederum Titel, Ehren- und Amtsbezeichnungen sowie besondere Kalendertage ("Schwarzer Freitag" am 25. Oktober 1929; R89/2, R151/2). In idiomatisierten Gesamtbegriffen ist die Kleinschreibung noch die Regel, zugelassen ist jedoch auch die fachsprachlich verfestigte Großschreibung ("das Gelbe Trikot" im Radsport; R89/3, R151/3). Konsequente Großschreibung der Adjektive gilt in Botanik und Zoologie bei Arten und Rassen ("Rote Johannisbeere"; R89/D, R151/D), bei (auch inoffiziellen) geografischen ("die Grüne Insel" für Irland, "das Schwarze Meer"; R140) und sonstigen Namen (R150).

 

Dies bedeutet für unseren Fall:

〉 Der Grüne Punkt als Umweltsiegel ist ein mehrteiliger Name; daher Großschreibung.

〉 Beim gelben Sack handelt es sich zwar um einen festen Begriff aus der Müllentsorgung, jedoch nicht um einen Namen; daher gilt nach Duden Kleinschreibung.

〉 Wird (fachsprachlich oder figurativ) die Rote Karte gezeigt, ist es nach Duden alternativ auch möglich, die rote Karte zu zeigen.

〉 Beim blauen/Blauen Engel hängt die Schreibung vom Kontext ab:

〉〉 Kaufe ich in einem Shop, der Engelsfiguren in vielen Farben anbietet, einen Engel in der Farbe Blau, so handelt es sich um einen blauen Engel. Selbige Schreibung gilt für einen alkoholisierten lieben Menschen.

〉〉 Auch im Titel "Der blaue Engel" (Film mit Marlene Dietrich) wird blau als Adjektiv kleingeschrieben. Name des bis 2006 verliehenen Filmpreises ist hingegen Der Blaue Engel.

〉〉 Ist in einem entsprechenden Kontext das Umweltsiegel (Name) gemeint, so ist es Der Blaue Engel bzw. ein Produkt wird ausgezeichnet mit dem Blauen Engel.

 

9. Januar 2017, Kommentar von Klaus

»Der Gelbe Sack, die Gelbe Tonne, die Blaue Tonne usw. für die verschiedenen Sorten Müll hat sich fast überall durchgesetzt (z.B. bei Abfuhrunternehmen, auch bei Wikipedia). Der Sack ist ja nicht nur gelb, sondern der Gelbe Sack steht für ein Konzept – wie das Schwarze Brett oder das Rote Trikot. Insofern ist der Gelbe Sack, die Blaue Tonne usw. doch ein Name bzw. der Gesamtausdruck hat sich bereits "fachsprachlich verfestigt"!?«

 

10. Januar 2017

Das klingt einleuchtend. Ggf. ist es eine Frage der Entscheidung, ob es sich bei einem festen Begriff "noch" um einen mehrteiligen Ausdruck oder "schon" um einen idiomatisierten Gesamtbegriff, eine fachsprachliche Verfestigung oder gar einen Namen handelt. Dann wäre die Großschreibung in Gelber Sack, Blaue Tonne etc. vertretbar.

   Ich hatte mir immer diese Eselsbrücke gebaut: Das Schwarze Brett ist ggf. eine silbern beschichtete Blechwand für massenhaft Aushänge an der Uni (also weder schwarz noch Brett). Beim Schwarzen Brett lässt sich das Konzept aus der "Wortwörtlichkeit" herauslösen.

   Beim gelben Sack liegt zwar ein bestimmtes Konzept vor, das im Kontext Müllentsorgung über die reine Farblichkeit hinausgeht, doch es handelt sich immer noch um einen Sack in der Farbe Gelb – die Wortwörtlichkeit ist noch gegeben; daher Kleinschreibung.

 

10. Januar 2017, Antwort von Klaus

»Auch "das schwarze Schaf der Familie" ist nicht wortwörtlich zu nehmen (weder "schwarz" noch "Schaf"), "schwarz" wird nach Duden aber kleingeschrieben. Dann müsste die Alternative "das Schwarze Schaf" doch ebenso zugelassen sein! Und wo ist der Unterschied des Gelben Trikots zum Gelben Sack? Auch das Gelbe Trikot ist ein Trikot in der Farbe Gelb!?«

 

11. Januar 2017

Das kleingeschriebene schwarze Schaf ist nach Duden unter R89/1 zwar ein fester Begriff (mit einer Symbolik aus dem AT), aber kein Name etc. Doch die Formulierung bei Duden ist vage: "Hier schreibt man die Adjektive in der Regel klein" (R89/1).

   Warum nun das Schwarze Brett in der Gesamtbedeutung idiomatisiert oder fachsprachlich verfestigt ist, die roten Blutkörperchen, der graue Star etc. aber nicht, ist m.E. tatsächlich nicht wirklich evident bzw. im Regelwerk selbst nicht ganz konsequent durchgeführt. Auch die Parallele Gelbes Trikot – Gelber Sack halte ich für nachvollziehbar.

   Möglicherweise muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Duden "alles" eindeutig regelt. Die Vagheit bzw. Widersprüchlichkeit im Regelwerk ist aber m.E. den sprachlichen Möglichkeiten selbst geschuldet: Ob ein fester Begriff einfach eine Wortgruppe, idiomatisiert oder Name ist, muss im Laufe der Zeit immer wieder neu von Fall zu Fall entschieden werden; oftmals lassen sich dann auch plausible Argumente für eine gegenteilige Position und Entscheidung finden.

1. Januar 2017

 

Ob Risotto noch zubereitet werden kann, wenn jemand schon an der Reisleine gezogen hat?

 

Orthografiefehler und falsche Präpositionalkonstruktion

〉 "die Reißleine [mit ß] ziehen", "jmd. zieht die [nicht: an der] Reißleine";

figurativ: eine gefährliche Entwicklung stoppen; entstanden aus dem Ziehen an einer Leine, durch die ein Fallschirm geöffnet wird, um einen Absturz abzubremsen bzw. zu verhindern

〉〉 gemeint ist: "jemand (hat) die Reißleine gezogen"

 

5. Januar 2017, Anregung von Mathias

Eine nette Sammlung von Wortspielchen findet sich auch unter SWR3 Filosofie.

1. Januar 2017

 

Sie steht wie ein Fels hinter ihm – und er kriegt die volle Wucht der Brandung ab?

 

Stilblüte

〉 "hinter jemandem stehen": jemandem beistehen, zu jemandem halten

〉 "Fels in der Brandung", "jmd. ist ein Fels in der Brandung", "jmd. steht da wie ein Feld in der Brandung": unerschütterlich, unbeirrt sein, dastehen

〉 grammatischer Hintergrund: Nach Hermann Paul eine "Kontamination", nach Ferdinand de Saussure ein "Syntagma" auf Phrasenebene, wobei die Semantik der Satzglieder zu einer neuen Metaphorik führt

〉〉 gemeint ist: "Sie steht hinter ihm", metaphorisch: "Sie ist sein Fels in der Brandung"

1. Januar 2017

 

Rohdinieren – das Abendessen einnehmen in der Paleo-Diät?

 

Buchstabendreher/Orthografiefehler

〉 "rhodinieren" [-ho] (Verb): etwas mit dem (silberähnlich glänzenden) Edelmetall Rhodium überziehen

〉 "roh" [-oh] (Adjektiv): ungekocht; etwas ungekocht/naturbelassen essen, etwa Obst und Gemüse als Rohkost

〉〉 gemeint ist [im Kontext]: "rhodinieren"

1. Januar 2017

 

Wie soll man da vernünftig intrigieren?

 

Stilblüte/Semantikfehler

〉 "intrigieren" (Verb): gegeneinander ausspielen, eine Intrige anzetteln, Ränke schmieden, mobben

〉 "integrieren" (Verb): in ein größeres Ganzes eingliedern, einfügen, einbeziehen

〉〉 gemeint ist [im Kontext]: "Wie soll man da vernünftig integrieren?"

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